Winnebacher Weißkogel by fair means

4000 Höhenmeter, 210 Kilometer, Radfahren und Bergsteigen in einem. Über eine Tour der etwas längeren Art.

Lange habe ich überlegt, ob ich einen ordentlichen Tiroler Dreitausender einmal vom bayerischen Oberland aus mit dem Rad angehe und darüber hinaus versuche, innerhalb von 24 Stunden wieder zurück ins traute Heim zu kommen. Der Winnebacher Weißkogel im Stubai ist vielen als Paradeskiberg ein Begriff – und mit seinen 3185 Metern auch für den Sommer ein durchaus lohnendes Ziel. Als 24h-Aktion ein Wagnis, aber machbar, so denke ich mir.

Endlich geht es los

Lange waberte mir der Gedanke an die Tour schon im Kopf herum. Die Voraussetzungen passen – meine Haxen sind durch rund 55km einfache Radlstrecke in die Arbeit top in Form, zudem ist mein Equipment – ich arbeite in einem Münchner Mountainbikeladen – top in Schuss. Schließlich fällt endlich der Entschluss. Morgen werde ich es probieren, morgen gehe ich die Aktion an. Das Wetter soll gut sein, unter der Woche ist nicht zu viel Verkehr, ich nehme mir für den Berg extra einen Tag frei.

Sorgfältig packe ich meine Sachen. Neben vernünftiger Verpflegung gehören natürlich die Bergstiefel in die Ortlieb-Taschen, denn ganz oben gibt es am Winnebacher Weißkogel einen kleineren Gletscher, auf dem ich nicht mit leichten Laufschuhen herumschlittern will. Das Werkzeug ist komplett, das Rad gut geölt – es kann losgehen.

Gegen ein Uhr nachts verlasse ich unser Haus in Königsdorf, mache leise die Garagentür auf und hole mein Rad heraus. Ich will die Route über Kochel- und Walchensee, Seefeld, den Zirler Berg und Kematen Richtung Sellraintal nehmen. Dass man die steile Straße hinab ins Inntal nicht mit dem Rad fahren darf, ist mir klar, aber egal. Im Schutz der Nacht wird mich schon keine Gendarmerie erwischen. Bis Seefeld in Tirol, das kurz vor dem Zirler Berg liegt, sind es von Königsdorf gut 70 Kilometer, bei einem 25er Schnitt rechne ich (Pausen inklusive) mit rund drei Stunden Fahrzeit, ehe ich dort ankomme.

Asphaltband Richtung Süden

Die B11 liegt verlassen und geradezu idyllisch im Sternenlicht vor mir. Ich kurbele die Kilometer Richtung Kochel bald wie in Trance herunter, so oft bin ich die Strecke inzwischen schon in die Berge gefahren. Das Inntal habe ich jedoch noch nie mit der Absicht ins Visier genommen, noch einen ordentlichen Dreitausender zu besteigen.

Munter kurbele ich die Kesselbergstraße hoch und danke den Straßenbauern, dass sie die Straße geradezu in Idealsteigung angelegt haben. In der Nacht gibt es keine lebensmüden Motorradler und fast keine Autos, man hat die Straße als Radler für sich allein. Mit dem Kesselberg (858m) liegt der erste Paß noch mitten in der Nacht hinter mir.

Schemenhaft umrahmen die Berge in der Dunkelheit den Walchensee, zu nachtschlafender Zeit lange ich in Wallgau und Krün an und strampel durchs tief schlafende Mittenwald. Ich will keine Zeit verlieren und vor allem den Zirler Berg bald hinter mich bringen – denn er hat mir schon als Autoinsasse mehrmals Respekt eingeflößt. Was, wenn die Bremsen versagen?

Kurz nach dem Seefelder Sattel (1185m) rufe ich meinen Bruder an, um ihm von meinem Vorhaben zu berichten. Er ist ein ausgewiesener Frühaufsteher, und trotzdem hole ich ihn heute aus dem Bett. Einer soll von der Tour Bescheid wissen, man weiß ja nie, was passiert. Anschließend spreche ich mir ein wenig Mut zu und stürze mich gegen 5 Uhr den Zirler Berg hinunter, anders kann man das mit einem beladenen Tourenrad gar nicht nennen. Wahnsinn – am Auslauf ins Inntal erreiche ich trotz der beiden Ortliebs mehr als 60km/h, und es würde auch noch schneller gehen, wenn ich nicht bremsen würde.

Im Inntal wird es hell. Wie oft sind wir mit der Familie früher hier bei Zirl mit dem Auto Richtung Kühtai abgebogen, um nach St. Sigmund zu einer Bergbauernfamilie in den Bergurlaub zu fahren. Wie viele positive Erinnerungen sind an diese Aufenthalte geknüpft!! Emotionen kommen hoch, ich muss mich erst wieder sammeln, ehe ich die erste harmlose Steigung nach der Innbrücke Richtung Kematen in Angriff nehme. Ich kenne jede Kurve der Strecke, und die Faszination Hochgebirge, dem ich mich nun langsam nähere, hat mich schon längst erfasst.

Jetzt geht’s richtig los!

Das war jetzt also das Vorspiel zum Warmwerden, denke ich mir. Die ersten 80 Kilometer habe ich ohne Probleme weggesteckt. Nun aber geht es die Melach entlang das Sellraintal hinauf, eine schmale und kurvige Strecke, die etwas mehr Konzentration erfordert als die breite B11.

Erste Talbewohner kommen mir entgegen, fahren Richtung Arbeit. Gegen 6:30 Uhr erreiche ich Sellrain, später, in Gries, finden sich erste Schulkinder an der Bushaltestelle ein. Nach einer kleinen Stärkung biege ich links Richtung Praxmar und Lüsens ab. Die Steigungen haben es in sich, ich gebe, was ich kann, und früher als gedacht erreiche ich um 8:30 Uhr nach 105 Kilometern mit dem Rad das Hospiz in Lüsens auf 1630m, das malerisch unterhalb des steil aufragenden Lüsenser Fernerkogels im Morgenlicht daliegt.

Nun heißt es körperlich als auch seelisch umzudisponieren, denn ein kompletter Dreitausender mit rund 1550 Höhenmetern Aufstieg liegt noch vor mir. Ich wechsle die Schuhe, nehme nur das allernötigste mit und merke, dass die Beine für das Bergsteigen noch genügend Kraft haben. Unerwartet flott geht es den Sommerweg Richtung Westfalenhaus hinauf. Eine atemberaubende Morgenstimmung liegt über den Bergen, nach rund 2 Stunden zügigen Schritts erreiche ich die 2273 Meter hoch gelegene Hütte, verschwende aber nur wenig Gedanken an eine Pause und starte durch Richtung Winnebachjoch. Nun geht es langsam aber sicher an’s Eingemachte. Ich merke, dass ich heute schon einiges gemacht habe, das Steigen wird mitunter mühsam. Als ich nach dem Joch (2780m) über einige Kehren endlich den kleinen Ferner erreiche, der sich an den Gipfelaufbau des Kogels schmiegt, ist es nur noch ein Kampf mit dem Berg – den ich aber auch wollte, den ich provoziert habe. Heute will ich die eigenen Grenzen ausloten.

Oben ankommen

“Nicht aufgeben!”, sage ich mir, lange genug habe ich von dieser Tour geträumt und mich psychisch vorbereitet. Und tatsächlich: Um halb ein Uhr, also nach elfeinhalb Stunden ab Königsdorf, erreiche ich den 3185 Meter hohen Gipfel des Winnebacher Weißkogels. Geschafft – und Halbzeit! Ich kann gar nicht richtig erfassen, was ich gerade leiste, im Grunde ist es mir egal. Es ist einfach nur genial, der Plan geht auf, ich bin oben.

Nach einer halbstündigen Pause bewege ich mich langsam wieder Richtung Westfalenhaus. Schließlich habe ich noch viel vor – ich will noch mit Muskelkraft nach Hause kommen. Es geht bergab – wie gut das tut! Ich lasse den Beinen freien Lauf, so gut wie es eben geht und bin froh, dass die Hütte nicht mehr weit entfernt ist. Dort lasse ich mir auf der Terrasse eine Suppe schmecken und fülle die Salzvorräte wieder auf. Gegen 15:30 Uhr kommt das Rad in Lüsens in Sicht, ich packe meine Sachen in die Ortliebs und lasse mir den Fahrtwind durch die Haare wehen. Wie schön es ist, die Haarnadelkurven Richtung Gries hinunter zu zirkeln – ich muss nichts tun, es geht ganz von alleine bergab! Zumindest bis Kematen.

Brennstoff-Input

Nächstes, heiß ersehntes Ziel: Der MPreis-Supermarkt am Kematener Kreisverkehr. Ich habe inzwischen enormen Brennstoffbedarf. Im Laden kaufe ich mir Hollerlimonade, Brot, Schokolade und Landjäger. Die würzige Würstchenkette inhaliere ich förmlich und setze mich einfach neben mein Rad auf den warmen Teer, um ein wenig auszuspannen. Die Sonne scheint, es ist heiß hier unten im Inntal. Vor drei Stunden war ich noch 2500 Höhenmeter weiter oben und es fröstelte mich. Verrückte Bergwelt!

Nun gut, von nichts kommt nichts. Dass ich jetzt den Zirler Berg nicht einfach wieder hinauf fahren kann, ist mir klar. Allein schon wegen der Autos, auf die Blechmassen habe ich jetzt wirklich keine Lust. Deshalb folge ich der Landesstraße 11 Inn-aufwärts bis nach Hatting, um dann auf der nördlichen Innseite den Telfser Berg anzusteuern. Ich will durch das Leutasch zurück nach Bayern fahren.

Bis nach Telfs ist noch alles im grünen Bereich, ich habe leichten Rückenwind, die Steigung hält sich in Grenzen. Doch dann kommt der “Mann mit dem Hammer”, jetzt wird es langsam richtig zach! Nach der Abzweigung Richtung Leutasch zieht sich der Telfser Berg fast bis ins Nirvana, so zumindest ist mein Eindruck.  Zum Glück habe ich 3×9 Gänge zur Auswahl, ein 34er Rettungsritzel eingeschlossen. Als ich endlich oben auf gut 1250 Metern Seehöhe ankomme, merke ich erste Anzeichen eines massiven Unterzuckers, den ich jedoch vorerst mit ein wenig Schokolade bekämpfen kann.

Ende in Kochel

Mühsam schiebe ich mich das Leutasch hinaus, langsam wird es später Nachmittag. Der Wind bläst unbarmherzig aus Nordost und will mich förmlich das sonst so pittoresk daliegende Tal wieder zurückschieben. Als ich schließlich nach mittlerweile knapp 4000 Höhenmetern und 170 Rad-Kilometern in Mittenwald einrolle, gibt es nur noch ein Ziel: Den Supermarkt im Ortszentrum und das dortige Cola-Sortiment. Ahhhhh, wie gut das tut!!! Zucker und Koffein wecken neue Lebenskraft, ich fasse wieder Mut. Trotzdem ist die Strecke zurück zum Walchensee hart, mein Hintern tut weh und am Kesselberg beschließe ich, in Kochel einen Freund aufzusuchen, dessen Eltern ein Gasthaus besitzen. Vor meinem inneren Auge tanzen sowieso schon längst knusprige Wiener Schnitzel mit reschen Pommes im Kreis.

Als ich nach knapp 210 Kilometern Radelei samt eingebautem Dreitausender in Kochel am See feststelle, dass bei meinem Spezl ein anderer Freund zu Besuch ist, der mich mit dem Auto mit nach Königsdorf nehmen kann, überlege ich nicht lange. Nach einem opulenten Abendmahl – ich bin Euch immer noch dankbar, Felix – geht es mit benzin-motorischer Unterstützung die letzten 22 Kilometer zurück nach Königsdorf.

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