Gipfelbiwak auf dem Hochmiesing

Am Hochmiesing ist die Voralpen-Welt noch in Ordnung. Die nächste Straße ist weit genug entfernt, dazu gibt es keinen allzu nahen Lift. Dafür ein Gipfelplateau, das zum Biwaken einlädt und eine Prominenz, die eine umfassende Rundumsicht garantiert. 

Bahnhof Geitau, halb sechs Uhr abends. Die Türen der BOB schließen sich hinter mir, ein Bauernbursch ist der einzige, der außer mir noch aussteigt. Nebel wabert durch’s Tal, es dürfte so um die minus 10 Grad haben. Flotten Schrittes nehme ich die Teerstraße nach Geitau, im Gasthaus „Rote Wand“ ist man noch emsig mit den Saisonvorbereitungen beschäftigt. Richtung Segelflugplatz wird es schließlich einsam. Ein letzter Skitourengeher kommt mir mit Stirnlampe entgegen.

Unkenrufe aus dem Unterholz

Plötzlich ertönt lautes Fluchen von links aus dem Unterholz. Ob das denn sein müsse, um diese Uhrzeit, mit Stirnlampe, und überhaupt! Ein übereifriger Jäger? Das schlechte Gewissen von Geitau? Ein Lautsprecher in der Fichte, um Touristen zu verschrecken? Egal. Ja, so denke ich mir, das muss heute sein. Trotzdem muss ich meinen inneren Schweinehund überwinden, damit ich nicht sofort umdrehe und zurück ins warme Bett fahre. Auf der anderen Seite – nein, das kann ich nicht machen, jetzt, wo ich schon mal hier bin.

Am Südende des Geitauer Segelflugplatzes wechsle ich von den Lauf- in die schweren Bergschuhe und lege die Schneeschuhe an. Es ist trotz Sternenhimmel stockfinster, ich muss durchgehend die Stirnlampe anlassen, um die optimale Spur zu finden. Mehrmalige Versuche, es nur mit dem Sternenlicht zu probieren, führen zu „Entgleisungen“. Stapf-stapf-stapf – ich zähle die Schritte, 100, 500, 1000.  Nach zwei Stunden ab Bahnhof zweigt schließlich rechts die Spur Richtung Tanzeck ab, wenig später schält sich die tief eingeschneite Kleintiefentalalm aus der Dunkelheit. Nur noch gute 300 Höhenmeter bis zum Gipfel! (–> weiter geht’s unter der Galerie)

Der Schnee Richtung Sattel zwischen Miesing und Rotwand ist unberechenbar und schwer zu gehen, oben am Sattel ist schließlich fast alles abgeblasen. Die finalen Höhenmeter zum Gipfelplateau des Hochmiesing vergehen wie im Flug und um Punkt neun Uhr lange ich am Gipfel an. München leuchtet in der Ferne, ich knipse eine halbe Stunde Fotos, ehe ich mir einen bequemen Biwakplatz nur 10 Höhenmeter unter dem Gipfelkreuz einebne, heißen Tee aus der Thermoskanne trinke und es mir bequem mache. Bald ist es im Schlafsack mollig warm, auch hier oben dürfte die Temperatur nicht unter -10 Grad sein. So schätze ich zumindest, denn Thermometer habe ich keines dabei.

Was für ein Sternenhimmel! Als ich gegen 3:30 Uhr aufwache, kann ich vor lauter Staunen gar nicht mehr einschlafen und liege eine Stunde wach. Um 6:30 Uhr verlasse ich schließlich die Horizontale und schmelze ersten Schnee für einen Instant-Morgenkaffee. Dazu gibt es Linzer Schnitten vom Ölz, ein bewährtes Doping-Mittel, das bei mehreren MTB-Alpenüberquerungen positiv getestet wurde.  Um viertel nach sieben schnappe ich mir Foto und Stativ und fange das Sonnenaufgangs-Spektakel ein. Venediger und Glockner stehen am Horizont, der Wilde Kaiser präsentiert sich von seiner schönsten Seite, der Soinsee liegt ruhig und verlassen in seiner Senke.

Einsamkeit am Spitzing

Dann heißt es Abschied nehmen vom Hochmiesing. Danke für den schönen Biwakplatz! Ich gehe wieder hinunter zur Kleintiefentalalm, dann links zum verschlafenen Taubensteinhaus. Auf der verlassenen Terrasse gönne ich mir ein Schinkenbrot und Tee und höre dem Hüttenwirt beim Aufwachen zu. Schließlich wende ich mich Richtung Taubensteinbahn-Bergstation und dann rechts hinauf zum Rauhkopf, wo gerade erste Skitourengeher ankommen. Verhältnismäßig wenig los heute am Spitzing, es hat (anbgeblich) auch noch kein Lift offen. Ich halte mich nicht lange auf, nehme die Route über die Schnittlauchmoosalm hinüber zum einladenden Jägerkamp, dem letzten meiner drei Gipfel. Kurz überlege ich, ob ich Brecherspitze und Bodenschneid auch noch dranhängen soll…aber nein, lieber doch nicht. Man wird hier schnell übermütig.

Über den heute völlig vereinsamten Kessel der Jägerbauernalm stapfe ich steil hinab nach Josefsthal. Ein älterer Herr – ich schätze mal Anfang siebzig – kommt mir entgegen. Sein Plan: Mit dem Gleitschirm vom Jägerkamp wieder gen Tal segeln. Wenn der Föhn nicht zu stark wird. Hut ab! So will ich mit 70 auch noch drauf sein. Richtung BOB-Bahnhof Neuhaus muss ich nochmal richtig Gas geben, um den Zug zu erwischen. Exakt fünf Minuten vor Ankunft der nächsten Bahn komme ich an. Uff! Eine Stunde später schnalle ich meine Sachen in München-Harras wieder ans Rad und fahre Richtung Heimat.

Fazit: Das Mangfallgebirge hat mal wieder gezeigt, was es drauf hat. Top Biwakplätze, Abgeschiedenheit nur fünf Kilometer Luftlinie vom Spitzing-Pistenzirkus, atemberaubende Rundumsichten. Hängt man ein paar Gipfel aneinander, kommen auch recht anständige Höhenmetermengen zusammen!

4 Antworten auf “Gipfelbiwak auf dem Hochmiesing”

    1. Hallo Flo, Schlafsack hatte ich einen recht alten Camp High Expeditions-Daunenschlafsack. Dazu obenrum einen Mountain Equipment Daunenpullover (in der Nacht habe ich diesen allerdings ausgezogen); darunter einen dicken Fleecepulli, eine lange Patagonia-Fleeceunterhose und Merino-Unterwäsche. Über dem Schlafsack hatte ich noch einen Biwaksack mit Gore-Tex…alles relativ alt, aber warm. Entscheidend ist auch eine ausreichend dicke Therm-a-Rest Isomatte. Bei weiteren Fragen gerne melden!

      1. Vielen Dank!
        Plane ähnliches, habe nen Kufa Schlafsack mit -10 Grad Komfort und -20 Limit -35 Extrem.
        Dazu ne Daunenjacke mit 190g 880cuin
        Sonst das übliche, Merino Unterwäsche, Wollpullover etc.
        Sollte eigentlich alles ausreichen wenn man nicht grad in einer Schlechtwetterphase bei -20 Grad unterwegs ist oder?

        Gruß Florian

      2. Nichts zu danken! Das hört sich gut an. Entscheidend ist in meinen Augen die Combo aus Schlafsack und Iso. Auch ein Backup-Oberteil ist oft Gold wert. Wenn Du den Bergwetterbericht des Alpenvereins gut mitverfolgst, sollten unangenehme Überraschungen eigentlich ausbleiben. Und im allergrößten Notfall lässt sich auch um drei Uhr morgens mit einer guten Stirnlampe absteigen. Das ist mir aber noch nie passiert – und ich hab schon circa 25 Winterbiwaks gemacht. Viel Spaß schon mal!

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