Sturm, Schnee und Regen am Hohen Fricken

Die Wettervorhersage ist nicht gerade vielversprechend. Trotzdem male ich mir eine größere Schneeschuhrunde im Estergebirge aus. Der Plan: Vom Farchanter Bahnhof über Hoher Fricken, Krottenkopf und Hohe Kiste hinüber nach Einsiedl kurz vor dem Walchensee.

Der Blick aus dem Zugfenster Richtung frisch verschneites Estergebire lässt mich meine ursprünglichen Pläne ändern. Statt einer Heimgarten-Herzogstand-Jochberg-Überschreitung von Ohlstadt bis nach Kochel will ich eine schöne Strecke mit rund 1600 Höhenmetern durch das winterliche Estergebirge legen. Noch ist das schlechte Wetter von Westen nicht angekommen, als ich am rund 670 Meter hoch gelegenen Farchanter Bahnhof bei trockenen Verhältnissen losgehe. Ich bin guter Dinge. Das sollte sich ausgehen! Fünfeinhalb Stunden Zeit habe ich bis Einsiedl, dann fährt dort der letzte RVO-Bus durch.

„Hoher Fricken – 4 Stunden“ vermeldet der Wegweiser am Zugang zur Kuhflucht. Vier Stunden? Das lässt sich halbieren. Ich will den direktesten Weg zum 1940 Meter hohen Auftakt-Gipfel nehmen, um Zeit zu sparen. Wildromantisch schlängelt sich der Weg zu den beeindruckenden Kuhflucht-Wasserfällen, die zum Teil in einer kleinen Klamm versteckt liegen. Ich bin bald auf Betriebstemperatur, überhole einige Wanderer und schnaufe den steilen Weg zu einem ersten Absatz auf gut 1250 Metern hinauf, wo sich eine kleine, aber gut ausgestattete Unterstandshütte befindet. Zwei Wanderer fragen mich noch, wie weit es denn noch bis zum Wasserfall sei – derweil haben sie den eigentlich schon lange hinter sich?! Bis hier habe ich noch kein Fitzelchen Schnee gesehen. Was für ein ernüchternder Winter in den Voralpen, aber so ist es nun mal….

In den Tiefschnee

Ab 1400 Metern fängt es leicht zu schneien an, erste tiefere Schneefelder lassen mich auf 1500 Metern die Gamaschen anlegen. Dann, ab rund 1700 Metern, ist tatsächlich (endlich) tiefster Winter. Ich sauge die Atmosphäre auf, genieße die Stimmung, die gedämpften Geräusche, die aus dem Tal nach oben dringen, das Knirschen meiner Schritte. Aus leichtem Regen ist Nassschnee geworden. Ich lege die Schneeschuhe an und wühle mich die kaum übersehbare Aufstiegsschneise hinauf, die verblasenen Spuren eines Vorgängers sind bald nicht mehr sichtbar. Schließlich erreiche ich den NNW-Rücken des Hohen Fricken und der Wind wird mit einem Mal stärker. Er hat ganze Arbeit geleistet, und sogar mit Schneeschuhen breche ich hin und wieder ordentlich in den Latschenfeldern ein. Schließlich neigt sich der Rücken zurück, und ich erspähe rechts unter mir das Gipfelkreuz, das nicht ganz am höchsten Punkt steht, um vom Tal aus besser einsehbar zu sein. Der Weststurm peitscht nun die Schneeflocken über den Kamm, ich trage mich nur kurz ins Gipfelbuch ein. 2h 10min ab Bahnhof für knapp 1300 Höhemeter bei nicht ganz einfachen Wittterungsverhältnissen: Ich bin zufrieden.

Kurz überlege ich, ob ich meine Route bei diesen Verhältnissen durchziehen und Richtung Bischof, Krottenkopf und Weilheimer Hütte hinüberqueren soll. Allerdings sehe ich bei dieser Waschküche keinen großen Sinn darin. Die Konturen verschwimmen in den Wolken und im Nebel, zudem ist die Orientierung jenseits der Hütte bei wenig Sicht nicht ganz einfach. Am verblasenen Kamm trete ich zudem ein Mini-Schneebrett los. Frisch angeblasener Pulver hat sich auf einen Harschdeckel gelegt. Es reicht eine geringe Zusatzbelastung aus, und die Chose kommt ins Rutschen. Die Entscheidung fällt leicht, dem Aufstiegsweg wieder nach unten zu folgen.

Obacht, nasse Wurzeln!

Inzwischen ist das schlechte Wetter von Westen mit seiner ganzen Wucht an der Fricken-Westflanke angekommen. Dichter Schneefall begleitet mich bis 1600 Meter, dann dünnt er langsam aus und verwandelt sich in Schnürlregen. Der steile Weg hinab Richtung Kuhflucht ist jetzt mit besonderer Vorsicht zu genießen. Zwar halte ich das Schild „Nur für Geübte“, das unten zur Vorsicht mahnt, fast für übertrieben, ins Rutschen sollte man jedoch auf keinen Fall kommen. An einigen Stellen würde man sich viele Höhenmeter weiter unten zwischen zerborstenem Kalkgestein in der Klamm wiederfinden. An besonders rutschigen Stellen, wo der Weg mehr aus Wurzeln als aus Gestein besteht, gebe ich daher besonders Acht.

Bald hole ich zwei Hallenser ein, die ich hinaufzu schon überholt hatte und bin direkt froh, sie bei diesen schmierigen Verhältnissen wohlbehalten anzutreffen. Zudem finde ich meinen verlorenen Stockteller wieder, den ich während des Aufstiegs an einer Wurzel „abgestreift“ hatte. Nebel wabert durch den Bergwald, der Regen hat etwas nachgelassen. Trotzdem bin ich pitschnass und nicht scharf drauf, noch viel Zeit in der Nasskälte zu verbringen. Da trifft es sich gut, dass der nächste Zug nach München in wenigen Minuten am Farchanter Bahnhof eintreffen wird. Es reicht gerade noch, um bei einem Südtiroler Spezialitätenstand eine schöne Portion Speck zu kaufen, dann sitze ich schon zwischen amerikanischen Touristen in der Regionalbahn zurück nach München. Eine knackige und sehr vielseitige Tour geht fast schon zu schnell zu Ende…

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