Hochvernagtspitze – Ein großer Tiroler

Im hintersten Ötztal tummeln sich die höchsten Tiroler Dreitausender. Die Hochvernagtspitze (3539 Meter) ist einer der Skitouren-Klassiker schlechthin und kann von konditionsstarken Bergsteigern auch als Ski-Tagestour gemacht werden.

Die Rofenhöfe hinter Vent dienen als hochgelegene Ausgangsbasis für unsere heutige Tour, die ich mit meinem Spezl Gunther angehe. Um 4 Uhr hat bereits der Wecker geklingelt, um 4:50 Uhr sind wir im oberbayerischen Königsdorf losgefahren. Jetzt ist es kurz vor halb acht und wir machen uns mit dem Splitboard respektive den Tourenski auf den Weg Richtung Vernagthütte.

Über Nacht hat es, wie im März zu erwarten, schön durchgefroren und der gewalzte Fahrweg zur Talstation der Materialseilbahn zur Hütte ist bockhart. Gut, dass ich für das Splitboard die Harscheisen eingepackt habe, denn knapp oberhalb der Talstation kommt eine schmale und komplett vereiste Passage, bei der ich ohne die metallene Unterstützung keine Chance hätte. Damit zeigt sich erneut ein großer Nachteil der beiden extrem breiten Splitboard-Teile: Im Gegensatz zu den schmäleren Tourenski bekommt man bei vereisten Querungen deutlich weniger Druck auf die Kante. Aber was tut man nicht alles als begeisterter Snowboarder, um später mit nur einem Brett unter den Beinen durch den Tíefschnee zu surfen! Zum Glück kommt die Sonne näher und näher, auf rund 2400 Metern errreicht uns das gleißende Morgenlicht. Damit wird auch der Schnee etwas weicher und ohne Harscheisen begehbar.

Steile Querung

Das letzte Mal war ich hier vor ungefähr 15 Jahren mit dem Splitboard unterwegs, mit einer Alpenvereinsgruppe. Wir wollten Fluchtkogel und Hochvernagtspitze machen. Gelungen ist uns damals nur die Hochvernagtspitze. Im dichten Nebel samt Abfahrt im Blindflug. Heute ist deutlich besseres Wetter, allerdings habe ich erfolgreich verdrängt, dass der Anstieg Richtung Vernagthütte einem Splitboarder (und natürlich auch Skitourengehern) einiges abverlangt, denn eine steile, abfallende Querung Richtung Vernagtbach fordert ein wenig Geschick. Heute ist auch hier alles durchgefroren, und ich muss für einige Meter abschnallen und die Steilstellen zu Fuß absteigen. Würde man ins Rutschen kommen, hätte das hier sehr unangenehme Folgen.

Anschließend geht es jedoch etwas entspannter weiter, und knapp zweieinhalb Stunden nach Aufbruch erreichen wir die auf rund 2640 Metern gelegene meteorologische Station unterhalb der Vernagthütte. Zeit, ein wenig in die Runde zu blicken. Schon hier fällt auf, wie sehr sich der Vernagtferner zurückgezogen hat. Der einst mächtige Gletscher hat sich in einzelne Becken zerteilt, die, soweit man das im Winter beurteilen kann, kaum mehr zusammenhängen. Was im Winter optisch kaum auffällt, sticht im Sommer um so mehr ins Auge…

Veränderungen

Bei der nun folgenden Querung Richtung Randmoräne wird deutlich, dass speziell der linke (orographisch rechte) Gletscherteil enorm Federn lassen musste. Inzwischen muss man vor der auf rund 3080 Metern gelegenen Klimastation fast schon ein wenig absteigen, um den Gletscherarm zu queren. Vor 16 Jahren war der Gletscher, wenn ich mich richtig erinnere, noch nach oben gewölbt und man kam fast auf Höhenlinie an der Klimastation an!

Auch die Temperatur am heutigen Tag ist heftigen Schwankungen unterworfen. Waren es in der Früh noch knapp unter 0 Grad, wird es jetzt richtig heiß. Auf der steilen Gletscherrampe hinauf zum Hochplateau unterhalb der Hochvernagtspitze läuft uns ordentlich die Soße runter, außerdem macht sich die Höhe bemerkbar. Es ist windstill, die Sonne knallt fast im 90 Grad-Winkel auf den Schnee. Schnaufen und verschnaufen wechseln sich ab. Ein Bergführer mit Kundin fährt an uns vorbei, wir halten einen kleinen Plausch. Es sieht so aus, als wollten sie noch die Schwarzwandspitze und die darunterliegenden Traumhänge dranhängen.

Langsam aber sicher flacht der Hang ab und der trapezförmige, 3539 Meter hohe Gipfel der Hochvernagtspitze kommt in Sicht. Ein Pärchen macht am Skidepot Pause, wir setzen uns dazu und vertilgen gemütlich unsere Brotzeit. Mal schnell auf einen 3500er mit knapp 1600 Höhenmetern – da weiß man dann doch, was man gemacht hat. Wenig später stapfen wir noch die 20 letzten Höhenmeter hinauf zum Gipfel. Oben treffen wir einen netten Tschechen, der fünf Tage allein unterwegs ist und in den nächsten Tagen noch den Pitztaler Eisexpress machen will. Sauber!

Eine makellose Rundumschau ist das heute. Similaun, Hintere Schwärze, Weißkugel, Bernina, Ortler, Königsspitze, Cevedale – und natürlich die Wildspitze. Alles glasklar und fast zum Greifen nah. Gegenüber zeigt sich die flache Firnkuppe der Weißseespitze und weiter unten das Kaunertaler Gletscherskigebiet. Im Norden hinter der Watzespitze, die Zugspitze. Und, und, und. Wir kommen aus dem Schauen gar nicht mehr raus. Um viertel vor zwei nehmen wir dann aber doch Abschied vom höchsten Punkt.

Wechselnder Schnee  

Schnell ist das Board und die Ski umgebaut – und dann geht es abwärts. Zunächst durch zerworfene Sastrugis, die nur sehr schwer zu fahren sind, später, an der steilen Gletscherrampe, hat es bereits aufgefirnt. Den besten Schnee erwischen wir auf den weiten Hängen hinab zur Messstation am Vernagtbach. Ein echter Hochgenuss, der nur durch obligatorische Fotopausen durchbrochen wird.

Die Querung hinüber zum Vernagtegg ist hingegen weniger spaßig, da der Schnee hier zum Teil bereits butterweich geworden ist. Wir schlagen uns tapfer durch, fellen noch einmal auf und kommen schließlich um kurz vor halb vier wieder bei den Rofenhöfen an. Eine knackige Eintagestour war das. Mit allem, was die Ötztaler zu bieten haben!

Angaben zur Tour:

Datum: 12.03.2014; Ausgangspunkt: Rofenhöfe (2014m) bei Vent; Gipfel: Hochvernagtspitze (3539); Höhenmeter: mit Gegenanstieg knapp 1600; Übernachtungsmöglichkeit: Vernagthütte (DAV Würzburg); Zeit: laut Führer Rofen-Vernagthütte 3-3,5h; Vernagthütte-Hochvernagtspitze 3h; unsere Zeit: Rofen-Gipfel 4:45h (ohne Umweg über die Hütte); Verhältnisse: Schneeauflage ab Rofen; Gletscher subjektiv harmlos, Spalten eingeschneit, im Skiführer (anno 87) beschriebene Spaltenzone existiert so nicht mehr. Gipfelgrat Gehgelände, sind allerdings nicht zum Ostgipfel (der vllt. noch 2-3m höher ist als der Westgipfel) gequert. Einkehr: Geierwallihof bei den Rofenhöfen, nur Getränke; Wirtshaus an den Rofenhöfen hat offensichtlich dicht gemacht. (?)

2 Antworten auf “Hochvernagtspitze – Ein großer Tiroler”

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