Über den Willen zur Bewegung II

Meine an MS erkrankte Mutter saß, seitdem ich etwa 7 oder 8 Jahre alt war, im Rollstuhl. Wann genau sie in den Rollstuhl kam, kann ich nicht mehr sagen. Vieles aus der Zeit liegt unter einen dicken Decke des Vergessens begraben. An einzelne, besonders einprägsame Ereignisse kann ich mich hingegen noch erinnern.

Es muß im Herbst vor der Einlieferung  meiner Mutter ins Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt gewesen sein. Jedenfalls hat es bereits gedämmert, als wir bei meiner Großmutter ankamen. Ich war ein wenig außer Atem. Siebeneinhalb Kilometer können ganz schön anstrengend sein, erst recht, wenn man als Elf- oder Zwölfjähriger seine Mutter im Rollstuhl schiebt.

Meine Oma war jedenfalls begeistert, wenn auch ein wenig verblüfft. Hatte ihr Enkel ihre Tochter tatsächlich eigenmächtig die ganze Flugplatzstraße entlang, dann über die viel befahrene B11 und dann noch den ganzen langen Fahrradweg bis fast zum Schulzentrum geschoben?

Raus aus dem Haus

Meine Rollstuhl-Schiebefertigkeiten kamen nicht von ungefähr. Meine Mutter tat mir sehr leid, da sie sich in unserem verwinkelten Haus nur wenig selbstständig bewegen konnte. Sie brauchte jemand, um aus dem Haus herauszukommen, aus den vier Wänden auszubrechen. Elektrorollstühle waren (und sind) zum einen sehr teuer und hatten zum anderen auf dem Land Ende der Achtziger noch echten Seltenheitswert. So war es dann häufig ich, der sie mit dem Lifter in den Rollstuhl hob, durch den Garten in den Hof bugsierte und dann unsere gut zweieinhalb Kilometer lange Spaziergehrunde entlangschob, einen recht steilen Straßenabschnitt über mehr als 50 Höhenmeter inklusive. Oder eben auch mal weitere Strecken, so wie heute.

Meinem Vater war das natürlich nicht sehr recht, doch durchsetzen konnte er sich eher selten. Er bekam, konzentriert im weit entfernten Arbeitszimmer sitzend, wenig von unseren Unternehmungen mit. So auch dieses Mal. Welche Konsequenzen die Langstrecken-Schiebeaktion hatte, habe ich jedenfalls ebenfalls erfolgreich verdrängt. Zurück geschoben habe ich meine Mutter nicht mehr. Mein Vater muß uns also abgeholt haben…

3 Antworten auf “Über den Willen zur Bewegung II”

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