Bergtouren/Hochtouren/Radfahren

Von Berlin auf die Bernina

Mit dem Rad von Berlin auf den höchsten Berg der Ostalpen! Berlin und die Bernina teilen sich fünf gemeinsame Buchstaben. Grund genug, um eine Rad- und Bergtour aus der Bundeshauptstadt auf den östlichsten Viertausender der Alpen zu unternehmen.

Teil 1: VON DER HAUPTSTADT ZU DEN BERGEN

Berlin, Berlin

Mitte Juli 2009. Es geht los. Einer dieser Berliner Morgen, die man sein ganzes Leben nicht vergessen wird. Knallblau der Himmel, die Sonne geht langsam auf und sendet erste Strahlen Richtung Unter den Linden. Um sechs ist die Stadt noch verschlafen, von Berlin-Friedrichshain schlängele ich mich wie in Trance an Rathaus und Funkturm vorbei Richtung Brandenburger Tor. Ein unbeschreibliches Gefühl, während einer solchen Stimmung eine solche Tour in Angriff zu nehmen! Rund 1400 Kilometer liegen bis ins Veltlin vor mir, keine Ahnung wie viele Höhenmeter. Ich freue mich, wie man in Bayern sagen würde, unbandig darauf!

Schnurgerade verläuft die B2 Richtung Spandau, schnurgerade, damit das preußische Heer möglichst öffentlichkeitswirksam und barrierefrei die Stadt verlassen und betreten konnte – so wie ich heute! Entlang des Wannsees schlage ich eine südwestliche Richtung ein, in Potsdam geht’s Richtung Werder und Brandenburg. Der erste Reisetag Richtung Alpen bringt mich zu meiner Cousine, die nördlich von Magdeburg wohnt. Kurz vor dem Tagesziel nehme ich eine kleine Fähre über die Elbe und freue mich auf das Treffen mit der Verwandtschaft.

Durch den Harz

Regentropfen klopfen ans Fenster. Der zweite Tag beginnt nass. Wieder bringt mich ein Fährmann zurück ans andere Elbufer und ich fahre für kurze Zeit auf dem wunderschönen Elbradweg, den ich in Schönebeck wieder verlasse. Viele Radwanderer kommen mir entgegen, Pensionen werben für eine Rad-freundliche Einkehr.

Über kleine Ortschaften mit viel Fachwerk erreiche ich das idyllische Waldgebiet des Hakel. Nachdem ich heute nach einem schönen Frühstück erst zu Mitttag losgefahren bin, lasse ich es nach knapp hundert Kilometern gut sein. Die Nacht verbringe ich an einer einsamen Stelle auf einer Waldlichtung.

Am nächsten Morgen bahnt sich eine strahlende Sonne ihren Weg durch die Wipfel, es weht ein angenehm frischer Wind. Nach einem ordentlichen Kuchen und Instant-Tee sitze ich wieder im Sattel auf dem Weg nach Quedlinburg, wo ich mir eine Bäckerei aus der Nähe ansehe. Einzelne dunkle Wolken kündigen Schauer an, schnell will ich die nördlichen Ausläufer des Harz hinter mir lassen. Durch ein wildromantisches Tal geht es über die Eisenquellen von Alexisbad Richtung Berga und Kelbra am Kyffhäuser, intensive Regenduschen verwässern mir ein wenig den Fahrspaß.

Im kleinen Göllingen ist die Sonne wieder da, staunend besuche ich die Klosteruine St. Wigbert, die zu DDR-Zeiten in eine Fabrik umgewandelt wurde. Schön ist es im südlichen Kyffhäuser am Wipperdurchbruch, viel Kopfsteinpflaster wechselt sich mit hügeligen Passagen ab. Weniger schön sind die NPD-Wahlplakate. Das braune Gesocks vermiest mir ein wenig die Stimmung.

Mein Plan ist für heute, spontan eine Jugendherberge oder einen Campingplatz in Erfurt anzusteuern. Nachdem der Saft in den Beinen jedoch noch ausreicht, folge ich dem Flußlauf der Gera Richtung Arnstadt. Das Wetter heute bleibt instabil, nach wie vor wechseln sich Schauer mit Sonnenstrahlen ab. Ein Wechselspiel der Naturgewalten! Nach 175 Kilometern Fahrstrecke reicht es mir schließlich, und ich baue mein Zelt 200 Meter neben dem Radweg an einem flachen Wiesenhang fünf Kilometer vor Plaue auf und brauche nicht lange, ehe ich tief eingeschlafen bin.

Der erste Höhepunkt

Heute steht der erste richtige Pass auf der Tagesordnung. Nachdem ich das beschauliche Städtchen Plaue hinter mir gelassen habe, folge ich dem Tal der Wilden Gera Richtung Gräfenroda und Gehlberg. Der Thüringer Wald umfängt mich mit seinen Nebeln, fast glaube ich, Elfen und Zwerge durch das Dickicht neben der Straße huschen zu hören. Die Straße hinauf zum 920 Meter hoch gelegenen Pass bei Schmücke hat schon voralpinen Charakter. Es macht Spaß, den Muskeln freien Lauf zu lassen.

Nun geht es hinab, weit hinab nach Schleusingen. Noch habe ich Thüringen nicht verlassen. Nebelschwaden und Regen, wohin das Auge reicht. In einer Metzgerei lasse ich mir ein paar Wurstsemmeln schmecken. Im bayerisch-thüringischen Grenzstreifen fahre ich bei sich langsam bessernden Wetter Richtung Bamberg. Nach knapp 150 Kilometern komme ich schließlich im Berggebiet bei meiner Schwester an.

Am kommenden Tag steht die mit knapp 90 Kilometern bisher kürzeste Etappe auf dem Programm. Bei schönstem Wetter fahre ich über das Kloster Ebrach, Schleusingen und Iphofen zu meinem Bruder nach Ochsenfurt. Unterwegs gönne ich mir an diesem heißen Tag einen langen Aufenthalt im Freibad. In Ochsenfurt lassen wir es uns richtig gut gehen, kehren ein und machen einen Spaziergang am Main entlang.

Richtung Alpen

Schwäbisch Gmünd ist das Ziel der heutigen Etappe. Ich ziehe eine wunderschöne, einsame Strecke durch das Hinterland und lasse Schwäbisch Hall rechts liegen. Zwischendrin besteige ich einen Aussichtsturm. Bei brütender Hitze Ankunft bei Johanna in Gmünd, Entspannung und Abendessen bei einem Chinesen.

Am ersten Morgen erblicke ich das erste Mal die Alpen. Nach einem Semester Studium in Berlin ein schöner Anblick! Wird es sich mit der Bernina-Besteigung ausgehen? Ein Wagnis ist ja schon. Denn mein Cousin, mit dem ich die Tour angehen will, hat nur ein sehr kleines Zeitfenster. Auch ich habe nicht so viel Zeit, da ich bald wieder in Berlin sein muß. Alles oder nichts. Zum Glück war ich vor zwei Jahren schon über den Spallagrat auf der Bernina und kann daher den Aufstieg ganz gut einschätzen. Über Starnberg und Wolfratshausen fahre ich nach Königsdorf, wo ich in meinem Elternhaus einen Zwischenstopp einlege.

TEIL 2: DURCH DIE ALPEN

Per Rad zur Bernina

Jetzt geht es endgültig in die Berge. Nachdem ich ein Ausrüstungs-Paket für meinen Cousin geschnürt habe, das er mir einige Tage später mit dem Auto zur Bernina mitbringen wird, steuere ich das obere Isartal an. Ein Traumwetter ist das wieder heute! Über den Sylvensteinstausee und die Mautstraße Richtung Wallgau erreiche ich Mittenwald, das Leutasch leitet mich zur ersten wirklich großen Abfahrt der gesamten Tour, dem Telfser Berg. Die frisch justierten Bremsen halten der Belastung stand, meine Beine stehen inzwischen voll im Saft. Ich lasse Telfs schnell hinter mir und erreiche über die Inntal-Bundesstraße den Eingang zum Ötztal. Wie weit werden mich die Haxen heute noch Richtung Timmelsjoch schieben?

Nach einer Stärkung an einer Tanke kurbele ich das Tal hoch, was die Beine hergeben. Und sie geben tatsächlich noch einiges her! Nach Ötz kommt Umhausen, nach Umhausen folgt Längenfeld. Schließlich radle ich durch Sölden, und die steileren Abschnitte der Nordrampe auf das Joch kommen in Reichweite. Es dämmert. Um neun Uhr schlage ich in der ersten Kehre der Jochstraße auf exakt 1900 Meter Seehöhe mein Zelt auf. Knapp über 170 Kilometer liegen heute wieder hinter mir.

Ich habe den Wecker auf eine frühe, sehr frühe Uhrzeit gestellt. Welcher Radfahrer möchte sich den Pass schon gerne mit Autos teilen, wenn man die Möglichkeit hat, alleine oben zu stehen? Um drei Uhr früh bin ich schnell wieder im Takt. Kurz bevor die Dämmerung heranbricht, erreiche ich bereits gegen 5 Uhr die Passhöhe des Timmelsjochs auf 2474 Metern Seehöhe. Kocher ausgepackt, Kaffee und Fotos gemacht, und ab gehts nach Südtirol!!

Nach 60 Kilometern in der Früh komme ich bereits um halb 9 Uhr in Meran an und lege einen Ruhetag ein. Auf dem schön gelegenen Campingplatz nahe der Stadtmitte schlafe ich eine Runde und bummle schließlich durch die wunderschöne Altstadt. Mit der Zeit wird es unglaublich schwül. Am Abend drückt ein recht beeindruckendes Gewitter in das untere Vinschgau. Das Zelt bleibt stehen. Wie froh bin ich, dass ich jetzt nicht auf dem Timmelsjoch fest stecke!

Zum Stilfser Joch

Als der Morgen graut, bin ich schon wieder auf dem Rad. Ich will die Morgenkühle ausnützen. Das Gewitter über Nacht hat ganze Arbeit geleistet. Der Radweg das Vinschgau hinauf ist hie und da von größeren Kiesel-Strömen überwaschen worden.Selbstvergessen radle ich durch das Südtiroler Apfel-Eldorado bis nach Prad, wo ich eine große Pause einlege. Außerdem kaufe ich mir leichte Trailrunning-Schuhe für eventuelle Gipfelausflüge unterwegs und fülle die Reserven auf. Wieder ist es drückend heiß, und ich warte die Wetterentwicklung am kühlenden Suldenbach ab. Um vier geht die Temperatur nach unten, die Wolken lassen einen ruhigen Abend vermuten. Los geht`s, gut 1800 Rad-Höhenmeter liegen noch vor mir!!!

Den nun folgenden tranceartigen Zustand werde ich wohl nie vergessen. Trotz der schweren Beladung kurbele ich die Jochstraße hinauf, dass es eine Freude ist. Es ist kaum mehr Verkehr, ich kann die Ruhe und Atmosphäre auf dieser besonderen Straße in vollen Zügen genießen. Kehre rechts, geradeaus, Kehre links, geradeaus, Kehre rechts, geradaus, Kehre links……Kehre um Kehre wird die Aussicht spektakulärer, Kehre um Kehre wird es einsamer. Auf dem Weg hinauf begegnen mir gerade mal zehn Autos. Ein Radtraum über 1800 Höhenmeter. Am Berghotel Franzenshöhe auf 2200 Meter mache ich noch einmal Pause, weit vor Sonnenuntergang komme ich auf der 2757 Meter hohen Passhöhe an. Hochgefühle! Hundert Höhenmeter unterhalb des Jochs schlage ich neben der Südrampe der Passstraße schließlich mein Zelt auf und genieße den Sonnenuntergang.

Am nächsten Morgen gibt es zum Einstieg eine Wander-Einlage. Entlang verfallener Stellungen aus dem ersten Weltkrieg steige ich in einer großen West-Schleife auf den 3094 Meter hohen Monte Scorluzzo. Erster Gipfel: Abgehakt. Nebel wabert weit unten im Vinschgau. Der Ortler zeigt sich von seiner zahmen Seite. Die Absurdität des Sommer-Skilaufens hat man hier aber auch direkt vor der Nase…

Nach eingestreuter Bergtour und Zusammenpacken rolle ich Richtung Umbrailpass und Schweiz. Eine rasante Abfahrt führt mich auf den Campingplatz bei Santa Maria. Ich schlage mein Lager auf und faulenze. Heute habe ich nur 16 Rad-Kilometer hinter mich gebracht, dafür aber auch ein “Bergerl” gemacht.

Livigno

Am nächsten Morgen geht es sehr früh los. Noch im Dunkeln packe ich meine Sachen, schließlich gilt es heute den Ofenpass zu bezwingen. Noch vor dem ersten Auto bin ich auf der 2149 Meter hohen Passhöhe und sause wieder in die Tiefe. An der Abzweigung Richtung Livigno durch den Munt la Schera-Tunnel ahne ich jedoch Schlimmes. Seitdem ich das letzte Mal hier war, wurde die Durchfahrt für Räder vollends gesperrt, es müssen Shuttle-Busse verwendet werden. Der nächste (und erste des Tages) startet jedoch erst in einer knappen Stunde. Nicht mit mir!

Mehr egal als legal nehme ich den alten Fußweg zur Punt dal Gall-Staumauer also mit Rad und Ortliebs in Angriff. Teils schiebend und fahrend erreiche ich das Tal der wildromantischen Spölschlucht. Abenteuerliche Querungen steiler Hangrutsche und exponierte Abschnitte machen das Unterfangen gefährlich, von einer Nachahmung rate ich dringend ab! Es sei denn, man will eben eine extra-Portion Abenteuer. Besonders der finale Abschnitt hinauf zur 135 Meter hohen Bogenstaumauer hat es in sich. Ich muss die Packtaschen und das Rad in vier Fuhren einzeln den Steilhang hinauftragen. Zum Glück hat keiner der Zöllner auf der Mauer etwas mitbekommen. Die wären vermutlich nicht so begeistert.

Die endlos langen Lawinengalerien Richtung Livigno sind reichlich hässlich, veranlassen den geneigten Radler jedoch zu einem rasanten Fahrstil. Ich lasse das ebenfalls reichlich hässliche Livigno rechts liegen und steuere den nächsten Berg an, den ich auf meinem Weg zur Bernina, die nun langsam in greifbare Nähe rückt, besteigen will.

Nachdem ich mein Rad an der knapp 2000 Meter hohen Alpe Vago versteckt habe, wandere ich das gleichnamige Bachtal nach Süden, mache eine Querung nach rechts ins Val di Camp und wandere den Weg hinauf zum 2646 Meter hohen Lago Valetta. Der Plan: Versuch am 3218 Meter hohen Corn da Camp, vielleicht sogar den 3302 Meter hohen Piz Paradisin. Als ich schließlich auf einem 2907 Meter hohen Geländepunkt ankomme, wird mir die Unmöglichkeit des Unterfangens klar. Was ich heute haben wollte, ist ein einfach abhakbarer Wander-Dreitausender. Corn da Camp und Paradisin sind jedoch beides recht anspruchsvolle Kameraden. Zwar keine extrem exponierten Hörner, aber alles andere als Wandergelände, das ich mich meinen Salomons angehen kann. So wende ich mich nach Osten, quere vor dem Vedreit da Camp auf der Grenzlinie zwischen Italien und Schweiz nach Nordosten und nehme noch einen 3075 Meter hohen Minigipfel mit. Auch ein lohnenswertes Ziel!

Zurück am Rad, kurbele ich auf die 2315 Meter hohe Forcola di Livigno hinauf. Die gut 300 Höhenmeter haben es nach dem heutigen Tagesprogramm wirklich in sich… Oben angekommen, gibt es nur noch eine Richtung: Hinunter nach Puschlav (Poschiavo). Die Südrampe des Berninapasses windet sich schier unendlich nach unten. Ein Campingplatz nahe der Straße dient als Unterkunft, müde plumpse ich nach einer anstrengenden Bergtour und 75 Kilometern Radeln in den Schlafsack. Nun bin ich schon fast in Italien!

Nasser Aufbruch

Der Tag startet bei bedecktem Himmel – und eklig. Dutzende Nacktschnecken haben sich über Nacht über Rad und Zelt hergemacht. So eine Schneckenplage habe ich beim Campen noch nie erlebt. Angewiedert befördere ich die Weichtiere mit einem Stecken ins Gras und kann es kaum erwarten, den Schnecken-verschleimten aber ansonsten super eingerichteten Campingplatz hinter mir zu lassen. Im italienischen Tirano gönne ich mir einen Kaffee, ein wunderschöner Radweg führt schließlich entlang der Adda Richtung Sondrio…bella Italia!

Die Hoffnung, der Tag möge trocken verlaufen, erstickt noch vor Sondrio im dichten Regen. Es gießt wie aus Kübeln, in Sondrio selbst versuche ich den schlimmsten Schauer bei einem Espresso abzuwarten. Doch es hilft nichts, es gießt und gießt und gießt. Schließlich nutze ich eine kurze Wolkenlücke, nehme mir ein Herz und fahre los. Ich habe noch einen ordentlichen Batzen Höhenmeter unter die Reifen zu nehmen. Sondrio liegt auf 360 Metern Seehöhe, mein Ziel, das Rifugio Zoia am Campo Moro, liegt auf gut 2000 Meter. 1600 Höhenmeter fast ausschließlich im Regen liegen vor mir!

Ich kenne die Strecke bereits aus dem Auto. Den ersten Abschnitt bis Chiesa in Valmalenco bringe ich hinter mich, indem ich Umdrehungen zähle. Warum nur haben wir uns die einsamere Bernina-Südseite als Startpunkt ausgesucht? Weil ich diese Strecke einmal mit dem Rad fahren wollte. Aber eigentlich nicht im Regen. Naja, was solls. Noch bevor die Straße Richtung Franscia aufsteilt, bin ich klitsche-klatsche-nass. Es ist relativ warm, und so bin ich nicht nur von außen durch den intensiven Regen durchnässt, sondern auch vom Schweiss von innen. Jede Kurbelumdrehung verursacht ein lautes “gatsch” aus meinen Schuhen.

Der Abschnitt hinauf ins kleine Örtchen Franscia gehört für mich zum Spektakulärsten, was der alpine Straßenbau zu bieten hat. Eine exponierte Kehre reiht sich an die nächste, ein schmaler unbeleuchteter Tunnel folgt dem nächsten. So schön die Strecke ist, so froh ist man als Radfahrer, wenn einen der letzte Tunnel unverletzt ausspuckt. Franscia liegt in einem pittoresken Talkessel auf rund 1500 Meter, 500 Höhenmeter liegen also noch vor mir. Der Regen lässt jedoch nicht nach.

Beim 2021 Meter hoch gelegenen Rifugio Zoia anegkommen, habe ich nur noch zwei Dinge im Sinn: Mein Equipment zum Trocknen aufhängen und heiße Suppe. Beidem wird Folge geleistet, mit ein paar Schweizerinnenn diskutiere ich das miese Wetter. Ihre Berg-Pläne fallen heute ins Wasser…ich habe zum Glück noch etwas Zeit.

Teil 3: AN DER BERNINA

Aufstieg von Süden

Einige Stunden und ein Nickerchen später sehe ich mich nach einer geeigneten Zeltstelle um. Unterhalb der Hütte entdecke ich mehrere Ferienhäuschen. Dazwischen ist viel ebene Fläche – praktisch für ein Zelt!

Nun heißt es warten – warten auf meinen Cousin Martin. Hoffentlich geht alles glatt, schließlich hat auch er eine reichlich kurvige Auto-Anfahrt über rund 350 Kilometer zu bewältigen. Schließlich: Ein lauter werdendes Brummen, eines Audi-Motors nicht unähnlich. Ein weinrotes Etwas flitzt durch die Fichten. Das ist er! Wir fallen uns in die Arme, so schön ist das Wiedersehen an diesem Ort. Für große Gespräche ist es jedoch erstens zu spät und zweitens wir zu müde. Also Essen machen und ab in den Schlafsack.

Die Sonne bricht durch die Baumwipfel, als wir uns am kommenden Morgen mit schwer bepackten Rucksäcken auf dem Weg Richtung Rifugio Marinelli Bombardieri machen. Die Umstellung auf die andere Belastung ist ungewohnt. Bald sind wir jedoch in unseren über lange Jahre gewachsenen Berg-Trott verfallen und ratschen über Gott und die Welt.

Hoch über dem Alpe Gera-Stausee erreichen wir das Rifugio Bignami und bewundern den Eisabbruch am Ghiacciaio Fellaria mit einem Apfelschorle in der Hand. Weiter geht es über einen Pass zum Rifugio Marinelli, die Bernina rückt näher. Das Rifugio bleibt jedoch links liegen, schließlich haben wir Zeltequipment dabei. Auf etwa 3050 Metern Höhe errichten wir am Rande des Verdretta di Fellaria an einem Gletschersee unser Zelt. Zum Sonnenuntergang geht es hinauf auf einen unbenannten 3085 Meter hohen Gipfel am Rande des Gletschers. Tolle Stimmung Richtung Piz Scerscen und Piz Roseg! Jetzt bloß hoffen, dass das Wetter hält.

Aufbruch zum Gipfel

Am nächsten Tag weckt uns das Handy recht unbarmherzig um vier Uhr. Zwar haben wir “nur” tausend Höhenmeter zum 4049 Meter hohen Gipfel vor uns, diese haben es jedoch in sich. Noch unter dem Spallagrat wartet der zum Teil recht luftige Klettersteig hinauf zum Rifugio Marco e Rosa auf uns.

Das Wetter macht beim Losgehen gegen fünf Uhr keinen schlechten Eindruck. Die Sterne blinzeln uns an, es ist fast windstill. Wenig später, wir sind bereits weit über den Gletscher Richtung Crast’ Agüzza gequert, Wetterleuchten im Südwesten. Das kann doch nicht wahr sein, bitte nicht jetzt! Wir lassen uns von den weit entfernten Blitzen nicht einschüchtern und folgen angeseilt dem ausgeprägten Gletscher-Trampelpfad Richtung Steilflanke unter der Hütte.

Es dämmert und beginnt zu wölken. Schließlich befinden wir uns auf knapp über 3300 Metern am Einstieg zum Klettersteig. Wo sich vor drei Jahren, als ich hier das letzte Mal war, der Beginn der Seilversicherungen befand, baumelt uns ein loser Strick aus einer leicht überhägenden Platte entgegen. Na Mahlzeit!

Umdrehen?!

Wir zögern und überlegen, überlegen und zögern. Jetzt schon abbrechen, soll es das gewesen sein? Oder sollen wir versuchen, aufwändig hochzusichern um die untersten Stufen und Eisenstifte des eigentlich komfortabel eingerichteten Klettersteigs zu erreichen? Der Fels scheint glatt, wir haben weder Keile noch Friends dabei. Ich schätze, dass der Gletscher hier ungefähr 10-15 Meter zurückgegangen ist. Unglaublich, wie der Klimawandel hier zugeschlagen hat!
Und siehe da – Blitzschlag und Donnergrollen erleichtern uns die Entscheidung. Im Gewitter sollte man einen so exponierten Klettersteig ganz sicher nicht angehen. Einen Wimpernschlag später sind wir wieder auf dem Rückweg Richtung Zelt. Der Wettergott meint es heute nicht gut mit uns. Es ist gerade mal halb neun Uhr, als wir durchnässt und in strömendem Regen unser hochalpines Heim am Gletschersee erreichen. Wir hauen uns nochmal in die Koje und warten ab. Die Hoffnung stirbt eben auch in den Bergen zuletzt…

Langsam geht der Regen in Schneeregen, der Schneeregen in Nassschnee über. Das war’s dann wohl, wir haben heute nicht den Nerv, auf 3050 Meter im Zelt Däumchen zu drehen und glauben nicht an Wetterbesserung. Etwas missmutig bauen wir ab und lassen die Bernina Bernina sein.

Am Rifugio Bombardieri gibt es nochmal ein Heißgetränk, dann steuern wir wieder den Weg Richtung Tal an. Nach einem Stop-Over am Rifugio Carate torkeln wir gen Auto, trocknen unsere Sachen und machen uns auf den (getrennten) Heimweg. Während mein Cousin ins Auto steigt, setze ich mich auf den Drahtesel und rolle in einem Affenzahn nach Sondrio, bloß weg vom Berg…sowas muß man erst einmal verarbeiten. In Tirano steige ich in die Berninabahn und lasse mich bis zur Passhöhe shuttlen. Der Spaß an der körperlichen Betätigung ist mir heute (ja, das gibt es auch) vergangen.

TEIL 4: Heim in die Hauptstadt

Finale

Nach dem Bernina-Versuch bin ich hundemüde und will nur noch in den Schlafsack. Zum Glück bin ich nur 10 Kilometer vom wunderschönen Campingplatz Plauns entfernt, wo ich mir ein hübsches Plätzchen nahe der Ova da Bernina suche. Kalt ist es geworden, über Nacht schneit es bis auf weit unter 3000 Meter herunter. Heute früh umzudrehen, war wohl die richtige Entscheidung.

Nachdem es mich am nächsten Morgen sehr in den Beinen juckt, nehme ich den 3262 Meter hohen Piz Languard mit wenig Gepäck in Angriff. Leider lichten sich nur zwischendrin die Wolken, der mit einem großen trigonometrischen Vermessungspunkt verzierte Gipfel erlaubt nur wenig Ausblick. Der sonst so spektakuläre Blick von der auf 3202 Metern gelegenen Chamanna György ist heute ebenfalls nicht zu genießen. Schnell bin ich wieder unten, Regen setzt ein. Mit einem guten Buch mache ich es mir im Zelt bequem.

Der nächste und letzte Tag meiner Reise könnte nicht zauberhafter beginnen. Ein strahlend schöner Augusttag, keine einzige Wolke am Himmel! Heute will ich mich bis nach Chur durchschlagen und gleich mehrere Pässe mit dem Rad in Angriff nehmen. Locker geht es an Pontresina und Samedan vorbei, ehe ich in Punt Chamues-Ch links Richtung Albulapass abbiege. Nach der “Niederlage” an der Bernina tut dieses Traumwetter mehr als gut! Vor lauter Übermut steige ich vom 2312 Meter hoch gelegenen Pass geschwind auf den Igl Compass, mit 3016 Metern immerhin auch ein ansehnlicher Berg mit einer beeindruckenden Rundumsicht bis hinüber auf den Piz Roseg.

Die anschließende 1200 Höhenmeter-Abfahrt über Bergün und Filisur nach Alvaneu ist mehr als berauschend und ich nehme den Schwung gleich mit, um wieder hinauf nach Lenzerheide zu kurbeln. Die abschließende Abfahrt nach Chur ist die Krönung des Tages, überglücklich sinke ich auf dem Campingplatz in den Schlafsack.

Den abschließende Tag, der gleichzeitig mein Geburtstag ist, verbringe ich in der Bahn. Über St. Margarethen, Lindau und Hannover geht es zurück in die deutsche Bundeshauptstadt. Im Zug begegne ich einer über 80 Jahre alten Frau, die aus der Schweiz angereist ist, um von Berlin an die polnische Ostseeküste zu radeln. Hut ab! Ein passender Schlußpunkt für eine beeindruckende Tour !

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