Arktische Verhältnisse in der Breitgrieskarscharte

Die Gegend rund um die Hohe Seekarspitze (2679m) ist für mich eine der faszinierendsten Ecken des Karwendels. Einsamkeit, Ödnis, Freiheit. Über eine etwas eingeschneite Tour auf einen Traumberg!

Mittenwald Bahnhof, ungefähr 13 Uhr. Ich schultere meinen Rucksack. Eigentlich könnte ich die Strecke über Scharnitz ins Karwendeltal auch mit dem Rad angehen. Aber irgendwie habe ich heute mehr Bock auf Schusters Rappen.

Flotten Schrittes verlasse ich Mittenwald und begebe mich auf den Rad- und Wanderweg Richtung Scharnitz. Wie so oft laufe ich vor dem Aufbruch in die Wildnis den legendären SPAR in Scharnitz an, um meine Vorräte aufzufüllen. Landjäger, Vinschgerl, Schoki, Bananen, Tütensuppe. Jetzt kann ich die Zivilisation und ihre Annehmlichkeiten getrost hinter mir lassen.

Ich nehme die Abkürzung über die Bürzlkappelle, um schneller ins Karwendeltal zu kommen. Auf dem Ziehweg Richtung Larchetalm rast noch ein Traktor an mir vorbei, dann wird es ruhig. Verlassen liegt die Alm da. Schade, dass sie nicht mehr bewirtschaftet wird…

Rauf in’s Neunerkar

Das Tal zieht sich, und ich bin froh, dass ich für die lange Gehstrecke leichte Laufschuhe eingepackt habe. Schließlich kommt jedoch die wohlbekannte Quellfassung links und, an der Wildfütterung, die Abzweigung nach rechts hinab zum Karwendelbach in Sicht, den ich schließlich auf der grob behauenen Holzbrücke überquere. Erste Schneeflecken mahnen zum Schuhwechsel, und ich ziehe meine schweren LOWAs an.

Ein früher Wintereinbruch hat seine Spuren hinterlassen – doch damit habe ich gerechnet. Bloß nicht einschüchtern lassen! Der nicht ausgeschilderte Pfad hinauf Richtung Neunerkar zeigt sich von seiner verschneiten Seite. Auf dem wunderschön angelegten Jagdsteig komme ich schon ganz ordentlich ins Stapfen, auf dem Übergang in die unterste Karmulde schließlich ins Grübeln. Wird sich das mit der Wühlerei irgendwie ausgehen?

Um es kurz zu machen: Die Stapferei hinauf in die Breitgrieskarscharte wird zu einem echten Kondtionstest. Gut, dass ich mitten im Lauftraining stecke. So macht es wenigstens noch Spaß. Mehrmals muß ich mich aus hüfttiefen Wechten schaufeln. Und das um diese Jahreszeit!

Vollmond an der Biwakschachtel

Langsam schält sich der Vollmond hinter dem Nordrücken der kleinen Seekarspitze hervor. Ich zähle die Schritte, mache Pause, gehe wieder ein paar Meter. Die Breitgrieskarscharte und das in ihr liegende Biwak wollen erst einmal bezwungen werden! Bei so viel Schnee bekommt das ganze Neunerkar neue Dimensionen und wird für mich zu einem Mini-Western Cwm. Ich wähne mich schon fast im Himalaya…

Eine letzte Mulde noch, und die Biwakschachtel in der Scharte steht endlich im geradezu unwirklich erscheinenden Mondlicht vor mir. Ich mache ein paar Fotos. Der Wind frischt auf, und ich will mich in die Biwakschachtel verziehen und mir mit dem Kocher eine Suppe zubereiten.

Mist! Irgendein Dödel hat das Fenster der Schachtel nicht ganz zugemacht. Schön blöd. Ich bin zunächst eine gute halbe Stunde damit beschäftigt, die Biwakschachtel vom Triebschnee freizuschaufeln. Tolle Wurst! Bald habe ich es mir jedoch in der klammen Schachtel so gut wie es geht gemütlich gemacht und liege im warmen Daunenschlafsack. Nach der Suppe überkommt mich eine bleierne Müdigkeit und ich schlummere tief ein.

Sturm

Um fünf Uhr morgens weckt mich ein schepperndes Geräusch. Der Wind hat aufgefrischt und lässt die Eingangstüre, die ein bisschen locker sitzt, gegen den Rahmen schlagen. Zudem ist ein klatschendes Geräusch zu hören – Nassschnee patscht fast horizontal an die Biwakschachtel.

Nach einem kleinen Kuchenfrühstück mit Instant-Kaffee lasse ich den Plan, auf die Große Seekarspitze zu steigen, fallen. Die Sicht ist gleich Null und die Querung ins oberste Breitgrieskar ist komplett eingeschneit. Also wird es heute nur die kleine Seekarspitze (2617m), denn der Weg dorthin ist etwas leichter zu finden – auch bei Null Sicht.

Peu à peu stapfe ich den schneematschigen Pfad hinauf zum Westrücken der kleinen Seekarspitze, umgehe einen Felskopf hier und einen Abbruch dort und stehe schließlich mitten in einem ausgewachsenen Weststurm am Gipfel. Die Sicht war am Rücken mitunter miserabel, hier oben weht es aber hin und wieder kleine blaue Lücken frei. Angesichts des Sturms habe ich jedoch keine Lust auf eine Wetterbesserung zu warten und steige wieder zum Biwak ab.

Freie Sicht im Kar

Als ich nach dem Zusammenpacken wieder Richtung Neunerkar stapfe, klart es ein wenig auf. Ich rutsche durch die Schneefelder hinab und saufe mal mehr, mal weniger im mitunter sogar pulvrigen Schnee ab. Im Karboden angekommen, schaut sogar die Sonne wieder heraus! Eine der Absurditäten des Bergsteigens…gerade noch Null Sicht, jetzt Sonne. Ich genieße die Stimmung, mache im wildromantischen Karboden, der heute allerdings unter einer dicken Schneeschicht verborgen ist, kurz Pause, und stapfe dann den Jagdweg wieder hinunter ins Karwendeltal.

Nun steht der rund 13km lange Hatscher zurück nach Scharnitz auf dem Programm. Zum Glück habe ich frische Socken und meine Laufschuhe dabei. Uff! Die Fußbett-Abwechslung tut echt gut! In Scharnitz steuere ich schließlich erneut den SPAR an und tanke ein wenig auf. Die Wandermuße reicht heute jedoch nur bis zum Scharnitzer Bahnhof, wo ich wieder in den Zug steige. Eine schöne und sehr einsame Bergaktion geht zu Ende.

Datum: Oktober 2013

Autor: Arnold Zimprich

Läufer, Radfahrer, Bergsportler

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