Karwendelmarsch 2015 – Am Ende alles gut

Jubiläum! Dieses Jahr ging meine fünfte Teilnahme am Karwendelmarsch über die Bühne. Eigentlich wollte ich auf der 52 km langen Strecke meine bisherige Bestzeit von 5:15 Stunden aus dem Jahr 2012 knacken. Doch es kam wieder einmal alles anders.

Um vier Uhr klingelt der Wecker, doch ich liege sowieso schon wach. Der fast volle Mond hat die Nacht im Biwaksack zu einer recht seichten gemacht. Immerhin – das Wetter scheint es diesmal recht gut mit den Läufern zu meinen.

Nach Kaffee vom Kocher, Frühstücksbrei und Banane gehe ich mit Hauke, der die Nacht mit mir unter den Sternen verbracht hat, in zwanzig Minuten zum Startbereich des Ultra-Marathons in Scharnitz. Unterwegs treffen wir weitere Freunde, plaudern ein wenig, holen die Startunterlagen und geben das Gepäck für den Transfer nach Pertisau ab.

Karwendelmarsch – ein Trail-Ultra?

Der Startplatz ist heute aufgrund des verlegten Starts deutlich größer, das Gedränge hält sich daher in Grenzen. Um Punkt sechs Uhr wird die wilde Meute auf das Karwendeltal losgelassen.Auf geht’s Richtung Achensee, für mich ist es bereits das fünfte Mal.

Ich überhole ein paar Läufer und pendle mich schließlich bei km-Schnitten um die 4:30 min/km ein. Für einen Trail-Ultra recht schnell – aber der Karwendelmarsch hat im Grunde nicht besonders viel mit Trail zu tun. Ein Gutteil der Strecke verläuft auf Fahrstraßen  – speziell vom Start weg und zum Ziel hin. Zum Schluß werden sogar fast 7 Kilometer auf Teer zurückgelegt, was man stets im Hinterkopf behalten sollte. Dazwischen gibt es jedoch einige Trail-Abschnitte, der Steilanstieg zum Binssattel hat schon so manchen überambitionierten Läufer in die Schranken verwiesen.

Das Karwendeltal bis zum Karwendelhaus vergehen wie im Rausch. Die Körperdrogerie ist auf Touren, ich halte die Position, überhole sogar ein wenig, überhole sogar den Bene Böhm von Dynafit. Doch für wie lange?

Hochgefühle zwischen Karwendelhaus und Falkenhütte

An der Labestation am Hochalmsattel ruft ein Bergwachtler den Läufern die Positionierungen zu. Nur eineinhalb Stunden haben wir von Scharnitz bis hierher gebraucht. Ich befinde mich auf Platz 12! Wie genial ist das denn! Dass es so gut klappt, hätte ich nie gedacht. Hoch motiviert nehme ich den Downhill zum kleinen Ahornboden unter die Füße. Die Saucony Nomad TR laufen sich etwas schwammig, doch nach etwa zwei Kilometern bergab habe ich mich daran gewöhnt und kann meinen Platz sehr gut behaupten, ja sogar souverän verteidigen. Trotzdem ist der ausgewaschene Fahrweg erneut eine Herausforderung, weil man stets gut darauf achten muss, wo man den Fuß hinsetzt. Bei hoher Geschwindigkeit hat man sich hier schnell eine Verstauchung eingefangen.

Fersengeld

An der Falkenhütte nehme ich Getränk, Banane und Riegel zu mir und den Schwung gleich mit in die schottrigen Abschnitte unter den Laliderer Wänden. Doch was ist das? Nach einem Kilometer verspüre ich an beiden Fersen ein Stechen, als ob ich spitze Steinchen eingesammelt hätte. Schnell anhalten, Schuh ausziehen, überprüfen, weiter geht’s. Das Stechen will jedoch nicht aufhören, daher nach einem Kilometer das gleiche Spielchen. Nichts zu finden. Mehr recht als schlecht mache ich mich schließlich auf den Downhill Richtung Eng und werde schon von rund 10 Läufern überholt – was ist da los??

Ab der Eng beginnt das Leid

Das Zwischenziel Engalmen und damit die 35 Kilometer-Marke erreiche ich immerhin nach 3 Stunden und 9 Minuten – nicht schlecht im Vergleich zu den letzten Teilnahmen. Das sollte doch eigentlich klappen mit einer Zeit unter 5h 15min?!

Doch irgendwie soll es heute (wieder) nicht sein mit der neuen persönlichen Bestmarke. Mein Schuh macht mir weiter zu schaffen – an der linken und an rechten Ferse fühlt es sich an, als hätte ich mir Reißzwecken reingerammt. Ich schone daher ein wenig die Füße und gehe langsam hinauf zur Binsalm, stecke die Haxn sogar kurz vor der Alm zur Kühlung in den Bach und gönne mir an der Labestation drei Becher Hollerschorle.

Mit den Füßen wird und wird es jedoch nicht besser, und die beißende Hitze macht mir hinauf zum Binssattel ebenfalls ordentlich zu schaffen. Ein echtes Martyrium beginnt. Spätestens ab der Abzweigung vom Weg zum Lamsenjoch zu den steilen Kehren spiele ich mit dem Gedanken, den Karwendelmarsch abzubrechen.

Am 1903 Meter hohen Sattel angekommen, versuche ich wieder ein wenig zu laufen, aber es will einfach nicht gehen. Nicht nur die Füße, auch die Psyche rebelliert. Der Gramai-Alm Hochleger kommt daher wie gerufen, und ich saufe ganze 9 Becher Hollerschorle weg…

Noch bin ich der Illusion erlegen, dass es sich mit der Bestzeit auf wundersame Weise ausgehen könnte. Doch die Steilstücke hinab ins Falzthurntal muss ich ebenfalls im Gehtempo absolvieren, meine Fersen schmerzen nach wie vor wie nach Nadelstichen.

Erst vor der Querung des großen Bachgrabens, wo ich mir eine ordentliche Portion Wasser über den Kopf laufen lasse, probiere ich es mit dem Laufen, und langsam komme ich wieder rein. Nach mehr als 50 Läufern, die mich überholt haben, kann ich endlich, endlich, endlich wieder meine Position halten!

Am Gramai-Niederleger gibt es wieder Flüssigkeitsnachschub, dann beginnen die finalen 9 Kilometer, die ich mir im Kopf in 3×3 km einteile. Drei kleine mickrige Happen – das schaffe ich auch noch!

Wenigstens unter sechs Stunden

Am letzten Verpflegungspunkt frage ich nach der Uhrzeit. „11 Uhr 17!“, ruft jemand. Damit ist klar – das wird zwar eine ganz akzeptable Zeit, aber weit von dem entfernt, was ich mir erträumt habe. Trotzdem gebe ich nochmal alles und fahre ganz anständige Kilometerschnitte ein.

Wie immer ziehen sich die finalen zwei Kilometer in Pertisau wie Kaugummi in die Länge. Entsprechend froh bin ich, als die knapp 52 Kilometer und 2300 Höhenmeter des diesjährigen Karwendelmarschs nach rund 5 Stunden und 39 Minuten bei großer Hitze zu Ende gehen.

Vorsätze und Denkanstöße

  • ohne Wasserrucksack zu laufen, war in meinem Fall bei den Temperaturen (bis um die 30 Grad) dieses Jahr ein Fehler
  • nach fünf Karwendelmarschteilnahmen in Folge setze ich nächstes Jahr (vielleicht) einmal aus
  • der KWM ist und bleibt ein hervorragend organisierter Lauf mit einer großartigen Berg- und Publikumskulisse
  • wenn ein Schuh auf Strecken bis 30 Kilometer Länge super funktioniert heißt das noch lange nicht, dass es auf 52 km auch so ist
  • wenn es bis 35 Kilometer ausgezeichnet läuft, kann auch danach noch ein totales Motivationsloch kommen
  • Durchbeissen lohnt sich immer, auch wenn man zwischendurch meint, es geht gar nichts mehr

Hier geht es zum GPS-Track (meine Garmin FENIX 3 hatte einige Aussetzer, daher die abweichende Zielzeit):

http://connect.garmin.com/modern/activity/881905137/share/0?lang=Deutsch&t=1441045405321

Gelaufen mit:

  • Saucony Nomad TR
  • Arc’teryx Soleus Pant

2 Antworten auf “Karwendelmarsch 2015 – Am Ende alles gut”

  1. Wahnsinn! Was alles auf einem Ultra passieren kann! Als wir Richtung Karwendelhaus laufen denk ich mir: Hmmm…der Läufer da neben mir, der kommt mir bekannt vor. Kurz darauf von Dir: Hey, bisst du nicht der Running Michael? –> Dejavu 2014: Da sind wir auch gemeinsam aufs Karwendelhaus rauf (Oder du vor mir). Diesmal läufst Du extrem stark zur Falkenhütte (Sub 5h Zielzeit!!!)…Und dann habe ich Dich nicht mehr gesehen. Verdammt! Warst super drauf !!! Leider hab ich Dich im Ziel dann verpasst

    1. Ja gell, ein Ultra ist eine kleine Welt für sich…irgendwas hat nicht ganz gepasst. Ich war mir eigentlich sicher, dass ich das anständig durchziehen kann. Ich tippe mal auf die gewagte Schuhwahl. Viel Erfolg beim Berlin Marathon! Was peilst Du an?

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