Ein Tag in der Rieserfernergruppe

Eigentlich hätte es auf den Schneebigen Nock (3359 m) in der Südtiroler Rieserfernergruppe gehen sollen. Der viele Neuschnee und das wechselhafte Wetter bremsten mich jedoch rund 30 Höhenmeter unter dem Gipfel aus. Zum Glück ist auf dem Gipfel stehen nicht alles und die Rieserfernergruppe zeigte sich trotz (oder gerade wegen) gelegentlicher Schneeschauer von ihrer fotogensten Seite!

Rein in Taufers, halb acht Uhr morgens. Ich starte mit leichtem Gepäck Richtung Kasseler Hütte. Wegen des „späten“ Aufbruchs nehme die die Füße in die Hand und stehe bereits eine gute Stunde nach dem Start vor der heute recht einsamen Hütte. Nur der Hüttenwirt ist da, keine Übernachtungsgäste, niemand….

Einen Kaffee später stiefle ich bereits den Weg Richtung Malersee hinauf. Beinahe hätte ich mich verstiegen, meiner Kompass-Karte sei Dank. Habe ich bereits erwähnt, dass eigentlich alle Kompass-Karten in den Papiermüll gehören? Falsche Höhenangaben, falsche Wegverläufe…aber ich bin ja selbst schuld. Tabacco hätte es sicher besser gewusst und der Hüttenwirt wies mich lautstark von unten auf die richtige Route.

Eine Bachschlucht querend geht es langsam steiler werdend in das breite Hochtal, das einst das Schneebige-Nock-Kees zierte. Von ihm ist nur Toteis, ein beeindruckender Gletschersee und ein kleiner Rest oberhalb einer Geländekante geblieben. Sah es in der Früh noch nach Aufklarung aus, pressen nun Schlechtwetterreste über den Hauptkamm und hüllen die Rieserfernergruppe in gespenstisch wirkende Schneeschauer.

Hinauf in die Einsamkeit

Ich lasse die Abzweigung zum Malersee rechts liegen und steige steil die alte Randmoräne das Hochtal hinauf. Ab 2700 Metern herrscht eine geschlossene Schneedecke und ich lege so gut als möglich eine schöne Spur durch das grobe Blockgelände. Hie und da verliere ich die Markierungen völlig aus den Augen und verbringe einige Zeit mit der Routenfindung. Nachdem sich die Sonne jedoch einige Male durch die Wolkendecke bohrt bin ich guter Dinge. Zudem soll der „Schneebige“ ja ein recht einfacher Dreitausender sein…

Eine Scharte wird durchschritten, ich habe die 3000 Meter-Grenze hinter mir gelassen. Groberes Blockwerk verlangt den sicheren Tritt, eine kurze seilversicherte Passage entschärft eine leicht ausgesetzte und heute etwas rutschige Stelle. Wieder setzt dichtes Schneetreiben ein, ein strenger Wind pfeift von Norden her und nimmt mir zeitweise die Luft.

Schließlich neigt sich das Gelände zurück, an einem großen Steinmann vorbei erreiche ich die Stelle, wo noch bis vor kurzem der Rest des Schneebigen Nock-Kees gequert werden musste. Die Steigeisen bleiben jedoch im Rucksack, denn trotz der ca. 15 Zentimeter hohen Schneeauflage ist gut zu erkennen, dass man hier inzwischen völlig gletscherfrei zum Gipfelrücken des Nocks queren kann…tempora mutantur.

Umdrehen will gelernt sein

Nun geht es Richtung Ostansatz des Gipfelrückens, wo glücklicherweise ein kleines Fähnchen im Wind auf die richtige Ausfstiegsroute aufmerksam macht. Ich quere vom Gletscher völlig plattgeschliffene, rutschige Platten und hangle mich schließlich hinauf zu den letzten Aufschwüngen in Richtung Gipfel.

Wolken und Sturmböen machen das Vorankommen mühsam, ich verliere jedoch (noch) nicht den Mut und taste mich langsam vor. Eine kleine Verschneidung wird gequert, schließlich stehe ich an einer „Schlüsselstelle“ unter den Gipfelfelsen. Eine etwas schmalerer Gratabschnitt muss passiert werden, ein Ausrutschen hätte unangenehme Folgen. Bei trockenen Verhältnissen, Windstille und „motivierendem“ Wetter ist das wahrscheinlich kein Problem, heute entscheide ich mich jedoch zur Umkehr. Zwar könnte ich noch die Steigeisen anlegen – auf der anderen Seite ist es aber völlig egal, ob ich bei Null Sicht auf dem Gipfel sitze und dafür ein gewisses Risiko in Kauf nehmen muss oder 30 Höhenmeter unterhalb bei Null Sicht umdrehe und dafür eine risikofreie Tour habe…

Also nichts wie wieder runter vom Berg zur Kasseler Hütte, die ich bereits um 13 Uhr erreiche. Nach einem weiteren Kaffee samt Apfelstrudel (sehr empfehlenswert!) entschließe ich mich, noch den Arthur-Hartdegen-Höhenweg Richtung Ursprungtal und Lenkstein zu gehen. Vielleicht ergibt sich ja noch ein „Absackergipfel“. Das Wetter hat sich deutlich gebessert, Hochgall und Konsorten präsentieren ihr eingeschneites Antlitz in frühwinterlicher Pracht. Der Höhenweg ist ein echter Traum, quert Gletscherschliffe hier und Bächlein da und bietet abwechslungsreiche Blicke in alle Richtungen.

Weg mit Ausblick

Während ich so unterwegs bin spiele ich mit dem Gedanken, dem 3236 Meter hohen Lenkstein noch einen Besuch abzustatten. Als ich jedoch bei der Abzweigung des Weges in der Nähe der Ursprungalm feststellen muss, dass Richtung Lenksteinjoch heute niemand unterwegs war, ist mir das 800 Höhenmeter-Unterfangen (samt erneuter Spurarbeit) einfach zuviel. Stattdessen folge ich weiter dem Höhenweg, der das gesamte Bachertal auf einer Höhe zwischen 2200 und 2400 Meter umrundet.

Hier mangelt es nicht an Impressionen und schönen Wegabschnitten. Zwar ist der Gipfel „meines“ Schneebigen Nock immer noch in Wolken, Hochgall, Wildgall, Magerstein und viele andere 3000er hat der Wind jedoch freigeblasen. Ich komme aus dem Schauen und Fotografieren gar nicht mehr raus!

Weidende Kühe, ein einsamer Esel, plätschernde Bachläufe, kleine sumpfige Tümpel und der bezaubernde Ausblick – auf solchen Höhenwegen fühlt sich die Seele wohl. Fast wünsche ich mir, ich wäre mehere Tage unterwegs. Bei einer Alm unterhalte ich mich kurz mit dem Senn. Nur noch drei Tage sind die Kühe hier heroben auf gut 2200 Metern, dann ist Abtrieb und Saisonende.

Zum Schluß geht es einen abwechslungsreichen Pfad durch wilden Zirbenwald hinab nach Rein in Taufers. Beinahe leiste ich mir am Ende noch einen Verhauer, lande aber nach gut zehn Stunden in den Bergschuhen dann doch im örtlichen Gasthaus bei einer großen Ladung Spaghetti!

Technische Daten (inkl. Abstecher Richtung Lenkstein):

  • Länge ca. 30 Kilometer
  • Höhenmeter ca. 2400
  • Ausgangspunkt Rein in Taufers (1538 Meter)
  • Höchster erreichter Punkt ca. 3320 Meter am Schneebigen Nock (3359 Meter)

Unterkunftsmöglichkeit: Kasseler Hütte

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