Bergtouren/BERGZEIT/Laufen/Trailrunning

Lauf- und Lehrstunden in den Allgäuern

Die Sterne funkeln an diesem Samstag Ende Oktober um sechs Uhr früh. Kein Mensch ist außer mir unterwegs, als ich den Parkplatz an der Fellhornbahn verlasse. Wieviel Schnee liegt an der Rappenseehütte? Wird es mit dem Hohen Licht klappen? Wie ist es, dem zweithöchsten Allgäuer mit minimalistischen Mitteln auf den Gipfel zu laufen?

Diese und andere Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich mit Stirnlampe mein erstes „großes“ Allgäu-Abenteuer starte. Transalp ab Oberstdorf, Wanderung auf das Rubihorn, Trailrun auf den Wannenkopf, Skifahren in Ofterschwang und Bolsterlang, die JDAV JuBi in Hindelang und Alm-Recherchen für die DAV Panorama – das ist alles, was ich aus dieser Ecke der Bayerischen Alpen kenne. Die Gipfel des Allgäuer Hauptkamms kenne ich noch gar nicht und bin voller Vorfreude!

fruhaussicht

An der Enzianhütte – erkennt ihr die Höfats? 🙂

Rauf zur Rappenseehütte

Den Weg über Birgsau, Einödsbach und Enzianhütte hinauf auf die Rappenseehütte habe ich mir genau eingeprägt, trotzdem muss ich in der Dunkelheit mehrmals auf die Karte schauen. 4,5 Stunden sollen es laut Ausschilderung am Parkplatz Faistenoy/Fellhornbahn (906 m) bis zu Hütte auf 2.096 Metern sein – laufenderweise also ca. 1,5 Stunden. Ich habe im Laufe der Läufe die Erfahrung gemacht, dass sich bei durchgelaufenen Anstiegen ungefähr zwei Drittel der „Wanderzeit“ einsparen lässt.

Nach einem sehr zahmen und flachen Beginn durch das Stillachtal und einem noch recht braven Anstieg nach Einödsbach wird es spätestens bei der Abzweigung zur Petersalpe (endlich) deftiger. Die Pfade sind lehmig und arg ausgewaschen, die Felsen glitschig. Es scheint im Sommer einiges an Berg-Publikum unterwegs zu sein, soviel wird beim Zustand der Wege deutlich. An der Petersalpe mache ich auf knapp 1.300 Metern eine erste längere Pause und genieße den Blick auf das langsam aufwachene Oberstdorf.

Nun wird’s lauftechnisch richtig ernst. Der lehmige Pfad wechselt mit Steilstufen ab, Pfützen und Bachquerungen sorgen für kühle Füße. Ich setze mir in den Kopf, erst wieder bei der knapp 1.800 Meter hohen Enzianhütte zu stoppen, was mir mit zusammengebissenen Zähnen auch gelingt. Ab 1.500 Metern erstes Eis auf dem Weg und bizarre Raureif-Skulpturen. Watch your step!

Es ist gerade halb acht geworden, als ich an der Enzianhütte ankomme. Zauberstunde! Ich knipse erneut ein wenig herum. Toll gelegen ist sie ja schon, die Hütte, kann es aber baulich nicht mit einer gestandenen AV-Hütte aufnehmen. Dem Alleinstellungsmerkmal „einzige Privathütte am Allgäuer Hauptkamm“ wird sie jedoch allemal gerecht und ich werde mich hüten über die Hütte zu urteilen, ohne den Service knapp 1.000 Meter über dem Stillachtal je genossen zu haben – denn auch die Enzianhütte hat sich schon in die Winterpause verabschiedet.

Einsame Riesenhütte

Einen der berühmt-berüchtigten Allgäuer Bachtobel querend erreiche ich schließlich nach 1:45 h und 1.200 Höhenmetern die Rappenseehütte, die einsam und verbarrikadiert auf die ersten Spätoktober-Sonnenstrahlen wartet. Esspause! Eine fast schon gespenstische Stimmung hier oben. Die mit mehr als 300 Schlafplätzen größte Hütte des DAV wirkt gar nicht so groß, über die in der Hochsaison stark frequentierte Sonnenterasse treibt der Wind Staubkrumen und trockene Grasbüschel…

Ein erster Blick Richtung Hohes Licht (2.651 m), meinem ersten angedachten Ziel für diesen 28. Oktober, lässt nichts Gutes erwarten. An der Rappenseehütte selbst liegt zwar kein Schnee, aber oberhalb der Großen Steinscharte  – also ab ca. 2.300 Metern – ist von den letzten Schneefällen noch ganz ordentlich was liegen geblieben. Die Sonne erreicht das Hohe Licht entgegen seinem Namen nurmehr an seiner Südflanke.

Trotzdem zieht es mich magisch hinauf und ich laufe den schuttdurchsetzten Weg zur deutsch-österreichischen Grenze und gleich weiter durch die karstige, mit Dolinen durchsetzte oberste Karwanne des Wieselekars zum massigen Gipfelaufbau des 2.651 Meter hohen Bergs. Nachdem ich parallel noch meine nagelneuen Saucony Peregrine 6 Ice+ Winterlaufschuhe teste, bin ich über den einwandfreien Grip der Vibram Arctic Grip Sohle auf dem verharschten Schnee verblüfft – trotzdem, ab einer gewissen Steilheit und Exposition werden mir auch diese weichen Laufschuhe nichts mehr helfen.

KLEINE RANDBEMERKUNG: Die Sauconys sind keine Laufschuhe für den hochalpinen Einsatz in Schnee und Eis, was mir auch vor dem Start dieser Tour klar war!! Ein Stück weit war diese Laufrunde also auch ein Experiment, was solche Schuhe zu leisten im Stande sind. Jedem, der keine Experimente wagen will, empfehle für das Hohe Licht feste Bergstiefel!!!

Umdrehen auf knapp zwo-vier

Klar – hier mit Laufschuhen unterwegs zu sein, ist nur etwas für Leute die genau wissen, worauf sie sich da einlassen. Und so muss ich dann auch nach den ersten Seilversicherungen des Heilbronner Höhenwegs auf knapp 2.400 Metern einsehen, dass ich hier heute mit diesen Schuhen nichts verloren habe. Der Einsatz war hoch – es hätte schließlich kein Schnee liegen können und das Ganze nur eine anregende Turnerei – und so habe ich eben heute verloren.

Zwar gehen die Schwierigkeiten (ohne Schnee) nie über eine UIAA I hinaus, der Weg, der hier durch eine kaminartige Verschneidung führt, ist jedoch so mit Schnee eingeweht und vereist, dass ich an meine beiden Töchter, meine Frau und mein eigenes Wohlbefinden denke und ohne viel Zögern umkehre. Eine Rutschpartie würde hier in Steilabbrüchen enden. Zudem bin ich hier so mutterseelenallein, dass hier oben keiner ein Unglück bemerken würde…

Aber dazu ist Laufen schließlich auch gut – die „Zeitstrafe“ im Falle eines Scheiterns bleibt vergleichsweise gering. Also nix zurück wie zur Großen Steinscharte und in wenigen Minuten rüber in eine Einschartung, von der aus ich den 2.469 Meter hohen Gipfel des Rappenseekopfs recht problemlos erreiche. Eine schöne Alternative zum Hohen Licht, wenn auch nicht so hoch…

Heli-Einsatz und Schwarze Hütte

Hier ist es zehn Uhr und ich würde gerne noch ein bisserl was dranhängen. Heilbronner Höhenweg – das ist passé. Biberkopf – lieber nicht, da liegt auch einiges an Schnee.

rappensee-sonnenaufgang

Die Sonne kommt ums Eck

Schließlich turne ich wieder runter zur Rappenseehütte, sehe einem Heli und einer fünfköpfigen Truppe beim Ausbessern des Zustiegswegs zu und laufe schließlich hinab zur Schwarzen Hütte (1342 m) im Oytal, an die ich mich noch von einem Transalp erinnern kann. Ein echter Eiskeller hier unten, die Sonne hat es noch nicht bis in den Talgrund geschafft. Wenigstens habe ich ein paar Müsliriegel dabei, die mir den Aufenthalt in diesem Kühlschrank versüßen.

 

Was nun? Es ist 11 Uhr. Kurzeitig spiele ich mit dem Gedanken, es gut sein zu lassen und das ganze Stillachtal wieder rauszulaufen. Aber Moment, dazu bin ich nicht hier!!!

 

Hitze in den Latschen

Also nix wie steil hinauf Richtung Krumbacher Höhenweg. Gerade noch war es an der Nordseite des Allgäuer Hauptkammes frostig-kalt und das Thermometer an der Schwarzen Hütte zeigte knapp über Null Grad, jetzt, am Zustieg zur Mindelheimer Hütte, grillt einen die Sonne förmlich in den Latschengassen. Ich japse nach Luft (und Wasser, denn meine Vorräte gehen zur Neige), eindeutig der herausfordernste Teil der ganzen Runde!

Endlich, auf 1.700 Metern, ein Brunnen. Und eine Alm. Und ein schönes, warmes Blechdach, das zum Verweilen einlädt. Eine dreiviertel Stunde Pause ist schnell vorbei…erst recht bei dem Panorama. Die gesamte Allgäuer Hauptkette mit Trettach, Mädelegabel und Hochfrott liegt direkt gegenüber.

Schweren Herzens verlasse ich den Pausenplatz an der unteren Angerhütte wieder und steuere (weglos) den Krumbacher Höhenweg in nordöstlicher Richtung an. Erst auf 1.900 Metern kommt er endlich in Sichtweite, dieser Hundling. Ich hab immerhin schon 2.600 Höhenmeter in den Beinen und würde gerne um 15 Uhr wieder beim Auto sein, um den Familienzeitplan nicht zu sehr durcheinanderzuwirbeln….

Mehr geht nicht

Ich gebe mir redlich Mühe, das Ding komplett durchzulaufen, muss jedoch zwischendrin auf Wandertempo umschalten. Ich habe schlicht zu wenig zu Essen eingepackt und nage ein wenig am Hungertuch…außerdem liegen mir mehr als 150 feuchtkalte Rennrad-Kilometer aus den Vortagen in den Knochen. Endlich passiere ich die beiden letzten Pässe und nehme den zunächst recht steilen Abstieg von der Roßgundscharte unter die Sohlen.

Hätte nicht gedacht, dass mir dieser an sich „harmlose“ Höhenweg nochmal soviel Energie zieht. Richtig froh bin ich daher, als ich über die Kühgundalpe und den wunderschönen Talschluß des Warmatsgundtals die Fahrstraße Richtung Fellhorn-Talstation und schließlich den steilen Steig hinab zur Stillach erreiche. Nach gut 9 Stunden geht eine aus- und einsichtsreiche sowie kraftzehrende Aktion zu Ende. Der Besuch einer Filiale einer einschlägig bekannten Schnellrestaurantkette (lang nimmer dort gewesen) rettet mich schließlich noch vor einer allzu intensiven Bekanntschaft mit dem Unterzucker.

Technische Daten:

GPS-Track und noch mehr Zahlenspielchen:

https://www.strava.com/activities/758338647/embed/606a5d9f38102a7aacd3c5b1da9db1f8b0cb208c

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